Meine DDR 06 – Der Erlkönig
Jan 9th, 2008 | By refu | Category: In SerieIch bin in Jena aufgewachsen. Nicht nur das, ich habe dort auch das Licht der sozialistischen Welt erblickt. Deshalb darf ich mich auch als Jenenser bezeichnen und nicht nur profan als Jenaer. Das prägt natürlich in gewissen Dingen. Nicht ganz so penetrant wie in Weimar, ist das Wirken von Goethe und Schiller doch allgegenwärtig. Besuche
in Goethes Wohnsitz und Schillers Gartenhaus waren Pflichtprogramm, den von Goethe persönlich gepflanzten Gingko-Baum neben dem Botanischen Garten hatte jeder schon einmal betrachtet und als Bonus wohnte ich keine hundert Meter neben der Kirche, in welcher Schiller einst Charlotte von Lengefeld heiratete und die demzufolge als Schillerkirche bekannt ist. Vielleicht liegt es daran, dass ich bis heute ein zwiespältiges Verhältnis zu Goethe habe und ich nicht gar so inbrünstig verehre, wie das bei den meisten der Fall ist.
In diesem kulturellen Umfeld als wuchs ich auf und da ich es nicht anders kannte, war es ziemlich alltäglich und selbstverständlich für mich. Dennoch frönte ich ganz normalen Dingen der Freizeitgestaltung, wie etwa mit dem Fahrrad an der Saale entlang zu fahren oder abenteuerliche Plätzen aufzusuchen. Davon gab es einige und zu den liebsten gehörte unter anderem der “Schutt”, eine mehr oder weniger legale Ansammlung von Müll, wo es neben Ratten und unappetitlichen Dingen auch Sachen wie Feldpostbriefe aus dem letzten Krieg zu finden gab. Gleich gegenüber hatte man vor Jahren einen ausrangierten Bus abgestellt und an wenigen Dingen kann ich mein persönliches Älterwerden so gut erkennen, wie am Verfall dieses Ikarus-Veteranen. Anfangs noch mehr oder weniger komplett, verschwanden nach und nach Dach, Sitze und auch der Rest schrumpfte geplagt von Rost und Kindern immer weiter weg. Irgendwann fand man auf dem Schutt alte Farbreste und strich den Bus damit an, was ihm ein noch traurigeres Aussehen gab. Und am Ende war ausser zwei Stufen und diversen Metallteilen nichts mehr übrig. Danach zog ich weg aus Jena und man machte ihm endgültig den Garaus, da an dieser Stelle eine Umgehungsstrasse gebaut wurde.
Doch damals war es eine ruhige Gegend. Viele Kleingärten, ein Sportplatz, ein Freibad, eine Gärtnerei und dazwischen viel brachliegendes Land prägten die Landschaft. Folgte man den Wegen in Richtung Kunitz, dann ging es allmählich in ein bewaldetes Gebiet über und dort, an einem kleinen Teich, machte Goethe wieder auf sich aufmerksam. Denn an dieser Stelle hatte man dem Erlkönig ein Denkmal gesetzt. Majestätisch und erhaben, thronte er über dem trüben Wasser. Vom Dreck der Jahre war er selbst grauschwarz geworden, doch fügte er sich damit nur noch besser in die Landschaft ein. Sein einst weit ausgestreckter Arm war abgebrochen und es hielt sich wacker die Legende, ein Kind hätte sich einst daran gehängt und wäre mit ihm in den Teich gestürzt und ertrunken. Gleich hinter dem Denkmal befand sich eine Felswand, aus der klares Wasser floss – gerade an heissen Tagen eine sehr willkommene Gabe.
Ein geheimnisvoller Ort, der deshalb eine riesige Anziehungskraft ausübte. Oft verbrachten wir den halben Tag an dieser Stelle. Denn er bot neben dem wohligen Grusel der Legenden und dem stets halbdunklen Eindruck auch viele Möglichkeiten zum kreativen Spielen. Es gab einen kleinen Abhang, den man erklimmen oder mit dem Rad hinabrasen konnte; es gab den Wald, der sich zum Erforschen anbot und es gab natürlich die schon erwähnte Quelle. Der Boden zwischen ihr und dem Rohr, durch welches sie sich in den Teich ergoss, war zwar fest, aber doch formbar und so konnte man kleine Stauungen errichten, Überschwemmungen verursachen und seine Cowboy-Figuren in der Natur die Indianer erledigen lassen. Die Zeit flog dabei ziemlich schnell fort und mehr als einmal stellte man fest, dass es dunkel wurde und dann gab man sich viel Mühe, möglichst schnell die unheimliche Gegend zu verlassen und wieder in die Zivilisation zu gelangen. So beliebt der Ort auch war, nachts mochte niemand dort gern verweilen.
Als wäre das noch nicht genug, gab es wilde Gerüchte über einen Exhibitionisten, der sich dort herumtrieb und es auf Kinder abgesehen haben sollte. Ein- oder zweimal sah ich ihn auch – ein Mann in mittleren Jahren mit grauem Haar und einem blauen Hausmeisterkittel, der durch den Wald schlich. Angeblich versuchte er, Kinder zu fangen und in einer Grube im Wald einzusperren. Sicher übertrieben und unbekleidet sah ich ihn auch nie. Doch es war spannend und wir stets wachsam, ob er sich nicht in unserer Nähe herumtrieb. Einmal tat er dies tatsächlich und wir riefen die Polizei. Bis diese eintraf (dank fehlender Handys dauerte das eine ganze Weile), war von dem Mann längst keine Spur mehr aber immerhin verschaffte es mir das Erlebnis, auf dem Rückweg im Streifenwagen mitfahren zu dürfen. Und dabei lernte ich auch gleich, dass man sich mit den Polizisten gutstellen sollte, da die hinteren Türen innen keine Möglichkeit zum Öffnen bieten.
Ich bin Schiller-Fan und beneide dich um deinen Geburtsort!
Und stückweit auch um die sozialistische DDR-Zeit, obwohl ich mir vermutlich von dieser Ära hinsichtlich der brüderlichen, sozialistischen Volksgemeinschaft Illusionen mache.
Ich besuchte sogar die Heine-Schule und wohnte in der Büchner-Strasse. Was die damalige Zeit angeht, kann ich wenig Schlechtes sagen, was aber auch nur daran liegt, dass ich 1989 erst 15 Jahre alt wurde. Bis dahin war es ein weitgehend sorgloses Leben in bescheidenem Wohlstand. Aber später wäre ich zwangsläufig mit NVA, Partei etc. konfrontiert worden und da hätte es schon anders ausgesehen. Die brüderliche Volksgemeinschaft war tatsächlich eine Illusion, zumindest im grösseren Rahmen. Meine Frau stammt aus Russland – hätte die DDR weiterexistiert, hätte ich niemals die Gelegenheit bekommen, sie überhaupt kennenzulernen. Schon seltsam manchmal.